Business-to-Business-Anbindung – wie geht das genau?

2. April 2008

Augenstein: Realisierung unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse

Unternehmensübergreifende Abwicklung von Änderungsanträgen in der Automobilindustrie

Die Entwicklung eines neuen Fahrzeugs ist ein komplexer Prozess, bei dem der Autohersteller und seine Zulieferer eng zusammenarbeiten müssen. Die elektronische Integration aller beteiligten Partner bietet hierbei vielfältige Verbesserungspotenziale, die heute nur zu einem Teil ausgeschöpft werden. Christoph Augenstein stellt in seinem Buch Realisierung unternehmensüber­greifender Geschäftsprozesse dar, wie eine durchgängige elektronische Prozessabwicklung auf der Basis von Web Services erreicht werden kann.

In der Arbeit, die im Rahmen eines gemeinsamen Projekts der Universität St. Gallen und mehreren Unternehmen der Automobilindustrie entstanden ist, konzentriert er sich auf das Änderungsmanagement, und hierbei auf den Änderungsantragsprozess (Engineering Change Process, ECR). Jedes Mal, wenn etwa aufgrund aufgetretener Probleme oder geänderten gesetzlichen Anforderungen ein Bauteil geändert werden muss, müssen alle betroffenen Unternehmen die durchzuführende Änderung abstimmen und bei sich entsprechend umsetzen, z. B. in Form geänderter Konsruktionszeichnungen. Es gibt Schätzungen, nach denen eine optimierte, durchgängige IT-Unterstützung dieses Prozesses Kosteneinsparungen von über 40% und Zeitersparnisse von 50% ermöglicht. Für die Abwicklung von Änderungsanträgen gibt es einen vom Verband der Automobilindustrie (VDA) empfohlenen Referenzprozess. Hierbei handelt es sich um ein fachliches Modell, d. h. es wird nicht konkret angegeben, wie eine mögliche technische Umsetzung aussieht.

Die Unternehmen arbeiten in mehreren Netzwerke mit wechselnden Partnern

Bei der Entwicklung der prototypischen Umsetzung des Prozesses waren eine Reihe von Anforderungen zu erfüllen. Hierzu gehört beispielsweise der Investitionsschutz, d. h. die beteiligten Unternehmen sollen ihre vorhandenen Systeme in dem neuen Szenario weiterverwenden können. Weitere wichtige Anforderungen waren etwa ein hoher Standardisierungsgrad, die Vermeidung proprietärer Lösungen sowie eine lose Kopplung. Dies alles ist deswegen besonders wichtig, weil viele Zuliefererunternehmen in mehreren Netzwerken mit wechselnden Partnern zusammenarbeiten, weshalb individuelle, starre Anbindungen zwischen einzelnen Partnern sehr ungünstig wären.

Die Konzeption umfasst die Entwicklung eines Datenmodells sowie den Entwurf der auszutauschenden Nachrichten und der zu implementierenden Services. Das Datenmodell, das festlegt, aus welchen Elementen ein Änderungsantrag aufgebaut ist, basiert auf der VDA-Empfehlung. Augenstein erläutert detailliert, wie das vorliegende Datenmodell analysiert und zunächst nach UML und anschließend in eine möglichst günstige XML-Struktur überführt wird, damit es als Grundlage für die auszutauschenden Nachrichten verwendet werden kann.

Entwicklung der auszutauschenden Nachrichten und der Services

Auch die auszutauschenden Nachrichten, wie z. B. eine Benachrichtigung über einen neuen Änderungsantrag oder eine Stellungnahme zu einem Änderungsantrag, werden in der VDA-Empfehlung definiert. Für die konkrete Umsetzung werden geeignete XML-Schemata entwickelt, wobei Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Nachrichten ausgenutzt werden, um ein allgemeines Schema zu entwickeln, welches dann für jede Einzelnachricht um spezifische Strukturen ergänzt wird. Schließlich werden die für den Nachrichtenaustausch benötigten Services und Operationen spezifiziert, wobei sich der Autor für recht grobgranulare Services mit vielen stark typisierten Operationen entscheidet.

Der Fertigstellung des Konzeptes folgt die prototypische Implementierung auf Basis von BEA WebLogic. Im Rahmen der Arbeit erfolgte zunächst ein funktionaler Test unter Laborbedingungen, Tests durch Projektpartner unter realen Bedingungen sind noch vorgesehen.

Nützliche Hinweise für den Aufbau überbetrieblicher Prozesse

Im Anhang finden sich das unterstützte Interaktionsszenario als EPK (leider ist die Abbildung zu klein und daher komplett unlesbar), das vollständige Datenmodell im XML-Format (20 Seiten), ebenso die Schema-Dateien zur Definition der Nachrichten sowie die WSDL-Beschreibung des Web Service. Für den normalen Leser, der das Beispiel nicht komplett nachmodellieren und -programmieren möchte, wäre der Komplett-Abdruck dieser Dateien nicht unbedingt notwendig gewesen. Sie dienen eher Dokumentationszwecken im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit an der Universität.

Insgesamt ist die Arbeit für den mit den Grundlagen der E-Business-Technologien bereits vertrauten Leser aber gut verständlich. Die Vorgehensweise und das entwickelte Beispiele lassen sich anhand der Beschreibung gut nachvollziehen, die bei der Konzeptionierung getroffenen Entscheidungen werden ausführlich erläutert und begründet. Wer vor der Aufgabe steht, einen überbetrieblichen Prozess elektronisch zu unterstützen, wird hier sehr viele nützliche Hinweise finden.


Augenstein, Christoph:
Realisierung unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse. Ein servicebasierter Ansatz mit Web Services.
VDM Verlag Dr. Müller 2008
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