ARIS und EPKs – Nicht nur für Einsteiger

25. Januar 2008

ARIS-HausARIS und die ereignisgesteuerte Prozessketten (EPK) stellen vielerorts einen Quasistandard für die fachliche Geschäftsprozessmodellierung dar. Das Buch Integrierte Prozessmodellierung mit ARIS von Frank R. Lehmann bietet nicht nur einen ersten Einstieg in das Rahmenwerk und die Prozessmodellierung, sondern auch eine fundierte Darstellung der verschiedenen Modellierungsmethoden, mit denen das Zusammenspiel von Funktionen, Organisation, Daten, Leistungen und Prozessen im Unternehmen aus verschiedenen Perspektiven dokumentiert werden kann. Zwar bieten auch viele Wirtschaftsinformatik-Bücher einen kurzen Überblick über das Thema, doch werden dort zumeist weder fortgeschrittene Modellierungskonzepte vorgestellt noch praktische Fragestellungen beim Einsatz im Unternehmen diskutiert. Diese Lücke möchte Lehmann mit dem vorliegenden Werk schließen. Er ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Berufsakademie Ravensburg. Das Thema Prozessmodellierung mit ARIS beschäftigte ihn bereits während seiner vorangegangenen Tätigkeit bei der Commerzbank.

ARIS wird vielfach mit den gleichnamigen Softwareprodukten der Firma IDS Scheer gleichgesetzt. Zu Unrecht, handelt es sich bei der „Architektur integrierter Informationssysteme“ doch um ein von Professor Scheer an der Universität des Saarlandes entwickeltes Rahmenkonzept, das zunächst völlig unabhängig von irgendwelchen Modellierungstools ist. Mittlerweile bieten eine Reihe weiterer Tools ebenso die EPK und weitere in ARIS verwendete Modellierungsmethoden an. Andererseits ist insbesondere die EPK nicht standardisiert und so sind viele Entwicklungen dieser und damit zusammenhängender Methoden eng mit den Entwicklungen der ARIS Software verbunden. Das Buch möchte sich nicht auf ein bestimmtes Modellierungswerkzeug beschränken, und so ist es auch für Leser interessant, die ein anderes Werkzeug verwenden oder sich erst einmal mit Papier und Bleistift mit der Methodik vertraut machen möchte. Papier und Stifte werden übrigens sowieso für die Erstellung der ersten Modellentwürfe empfohlen, bevor man ein Tool einsetzt.

Das letzte Kapitel bietet dann auch einige Hinweise für den Einsatz und Kriterien für die Auswahl von Modellierungswerkzeugen. Es werden einige Studien mit Toolübersichten vorgestellt. Der Funktionsumfang eines Modellierungswerkzeugs wird dann wiederum am Beispiel der ARIS Plattform dargestellt. Das gesamte im Buch dargestellte Modellierungsspektrum wird sich komplett derzeit am besten mit den ARIS Tools von IDS Scheer umsetzen lassen. Und so wird sich der Großteil der Leserschaft wohl doch aus Nutzern der ARIS Software in Unternehmen und an Hochschulen zusammensetzen.

Verschiedene Sichten auf ein Unternehmen

Das Lehrbuch führt zunächst in die Grundlagen und wesentlichen Begriffe der Prozessmodellierung ein. Bevor man mit der Modellierung beginnt, muss die Zielsetzung klar sein. Ist lediglich eine Dokumentation der vorhandenen Prozesse gewünscht? Soll eine Zertifizierung erfolgen, eine Prozesskostenrechnung aufgebaut oder ein ERP-System eingeführt werden? Hiervon hängt die Auswahl der Methoden ab, und vor allem die Frage, welche Inhalte wie und in welcher Detaillierung abgebildet werden sollen.

Im folgenden Kapitel wird das ARIS-Konzept vorgestellt. Typisch ist die Darstellung der verschiedenen Sichten auf ein Unternehmen als ARIS-Haus. Die Leistungssicht bildet das Fundament. Darauf stehen die Datensicht, die Steuerungssicht und die Funktionssicht als Säulen. Das Dach schließlich bildet die Organisationssicht. Die Steuerungssicht als mittlere Säule integriert die Inhalte der verschiedenen anderen Sichten. Hier sind auch die EPKs eingeordnet, in denen die Elemente der anderen Sichten verwendet werden. So lässt sich beispielsweise darstellen, welche Schritte eines Prozesses von welcher Organisationseinheit durchgeführt werden, und welche Daten dabei verwendet werden. Für die Software-Entwicklung erfolgt weiterhin eine Unterteilung in die Ebenen Fachkonzept, DV-Konzept und Implementierung. Gegenstand des Buches ist – ebenso wie der Einsatzschwerpunkt der ARIS-Software – die fachliche Prozessmodellierung, es wird daher praktisch nur die Fachkonzept-Ebene verwendet.

Für jede Sicht werden die aus der Erfahrung des Autors wichtigsten Modellierungsmethoden vorgestellt:

  • In der Funktionssicht sind dies neben dem Funktionsbaum das Zieldiagramm zur Modellierung eines hierarchischen Zielsystems und das Anwendungssystemtypdiagramm, eine Darstellung der im Unternehmen verwendeten Software-Anwendungen und ihrer wichtigsten Funktionalitäten.
  • Wichtige Sachverhalte aus der Organisationssicht lassen sich alle im Organigramm darstellen. Hier lassen sich nicht nur Organisationseinheiten und ihre Untergliederungen darstellen, sondern u. a. auch Stellen, Organisationseinheitstypen, Personentypen und Personen. In der Datensicht wird nicht nur das aus der Datenbanken-Modellierung bekannte Entity-Relationship-Modell (ERM) beschrieben, sondern das in der fachlichen Modellierung häufig verwendete, weniger formale Fachbegriffsmodell.
  • Die im Unternehmen erbrachten Leistungen und ihre Untergliederung in Teil-Leistungen werden mit Hilfe des Produktbaums dokumentiert.
  • Zentrale Modellierungsmethode der Steuerungssicht ist die EPK. Aufgrund ihrer Bedeutung ist ihr ein eigenes Kapitel gewidmet. Weitere Diagrammtypen der Steuerungssicht dienen einerseits der weiteren Detaillierung von EPK-Inhalten (Ereignisdiagramm und Funktionszuordnungsdiagramm), andererseits der Übersichtsdarstellung der im Unternehmen vorhandenen Geschäftsprozesse (Wertschöpfungskettendiagramm und Prozessauswahldiagramm bzw. –matrix). Prozessauswahldiagramme und -matrizen werden insbesondere in solchen Unternehmen verwendet, die eine große Zahl von unterschiedlichen Prozessvarianten haben.

Zu jedem Modelltyp ist eine Übungsaufgabe vorhanden. Hierbei sollen Sachverhalte aus einem Hotel modelliert werden. Im Anhang stellt der Autor seine Lösungsvorschläge zu den Übungsaufgaben vor, wobei er darauf hinweist, dass es zumeist verschiedene Lösungsmöglichkeiten gibt.

EPKs: Tipps aus der Modellierungspraxis

Im Kapitel über die EPK werden zunächst die bekannten Grundelemente der EPK vorgestellt: Funktionen, Ereignisse und Konnektoren (UND, ODER, XOR). Zur Verbindung von EPKs können Prozessschnittstellen eingesetzt werden. Schließlich lassen sich EPKs um eine Reihe von zusätzlichen Objekttypen erweitern. Werden diese verwendet, spricht man auch von einer „erweiterten EPK“ (eEPK). So lassen sich in der EPK etwa Elemente der Organisationssicht einer Funktion zuordnen um darzustellen, welche Organisationseinheit oder welcher Personentyp eine bestimmte Funktion durchführt. Elemente der Datensicht können als Input und Output von Funktionen hinzugefügt werden. Es gibt eine große Vielzahl von Erweiterungsmöglichkeiten, die im Modellierungsalltag allerdings unterschiedliche große Bedeutung haben. Hierzu werden einige Empfehlungen gegeben, die weiteren Ausführungen beschränken sich allerdings weitgehend auf „schlanke“ EPKs ohne diese Erweiterungen.

Zwar kann man die Grundelemente der EPK in kurzer Zeit erlernen, doch bedeutet dies noch nicht, dass die entstehenden EPKs auch sinnvoll aufgebaut sind. Nützlich sind daher insbesondere die Tipps aus der Modellierungspraxis des Autors sowie eine Reihe von zu beachtenden Modellierungsregeln. Um in einem Unternehmen einheitliche und vergleichbare Modelle zu erzielen, ist es außerdem nötig Modellierungskonventionen aufzustellen. U. a. ist festzulegen, welche Modell- und Objekttypen verwendet und mit welche Informationen hierzu jeweils gepflegt werden. Weitere Konventionen betreffen das grafische Layout der Modelle sowie die Organisation der Modellierung. Schließlich wird ein Vorgehensmodell zur Modellierung einer EPK vorgestellt.

Beim Modellieren tritt häufig die Frage auf, wie bestimmte, immer wiederkehrende Aspekte sinnvoll modelliert werden sollen. Wie modelliert man beispielsweise, dass auf ein externes Ereignis gewartet wird? Oder wie können komplexe Verzweigungsregeln vereinfacht werden? Hierzu werden konkrete Lösungsvorschläge vorgestellt. Schließlich werden häufige Modellierungsfehler mit ihren Ursachen sowie Problemfälle aufgezeigt, die sich mit EPKs schlecht darstellen lassen. Zur Lösung dieser Probleme werden Erweiterungen für die EPK vorgesschlagen, z. B. ein Sequenz-Konnektor, der angibt, dass alle folgenden Pfade in einer beliebigen Reihenfolge, aber nacheinander durchzuführen sind (im Unterschied zum UND-Konnektor, bei dem die Funktionen der verschiedenen Zweige auch parallel zueinander durchgeführt werden können). Zum Abschluss des Kapitels werden die Vor- und Nachteile der EPK diskutiert, wobei nach Meinung des Autors die Vorteile klar überwiegen. Auch zur EPK-Modellierung sind wiederum Übungsaufgaben mit Lösungsvorschlägen enthalten.

Ein Modellierungsprojekt muss sinnvoll organisiert werden. Lehmann erläutert hierzu:

  • welche Fragen bei der Vorbereitung zu klären sind,
  • welche Rollen bei der Modellierung mitwirken,
  • wie die Qualitätssicherung durchgeführt wird,
  • wie komplexe Modelle aufgeteilt werden,
  • wie Prozessmodelle zur Prozessanalyse eingesetzt werden,
  • wie Prozessmodelle bei der Anwendungssystementwicklung eingesetzt werden.

Das Buch eignet sich insbesondere für Studierende und Einsteiger in die Modellierung mit EPKs, die tiefer einsteigen wollen als dies die knappen Ausführungen in der Standard-Wirtschaftsinformatik-Literatur ermöglichen. Erfahrene Modellierer finden einige Tipps und Anregungen, insbesondere zur Organisation der Modellierung und zur Entwicklung von Modellierungskonventionen. Allerdings sind die Beispielmodelle im Buch und den Übungsaufgaben noch recht klein und überschaubar geraten, so dass die Ausführungen zu großen Projekten mit einer hohen Komplexität sich daran nicht konkret nachvollziehen lassen. Hier wäre es hilfreich, ein größeres, durchgängiges Beispiel zur Verfügung zu haben, das auch als Beispiel für die Gestaltung und Strukturierung der eigenen Modelle dienen kann.


Frank R. Lehmann:
Integrierte Prozessmodellierung mit ARIS
dpunkt 2008
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Kategorie: BPM, EPK, Modellierung 7 Kommentare »

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7 Reaktionen zu “ARIS und EPKs – Nicht nur für Einsteiger”

  1. Kurze Prozesse - Blog von Prof. Allweyer | Promotionsblog

    […] auch einer kritischen Auseinandersetzung mit der ganzen Thematik. Ab und zu gibt es auch mal eine Buchrezension, wie zum Beispiel über das Buch „Integrierte Prozessmodellierung mit ARIS“…. Ich finde den Blog sehr spannend, weil Prof. Allweyer eine sehr ähnliche Sicht auf die […]

  2. Harald Reinmueller

    Wird in dem Buch auch auf alternative Modellierungsnotationen wie BPMN eingegangen bzw. diese EPK gegenübergestellt?

  3. allweyer

    Andere Notationen wie BPMN werden nur kurz erwähnt im Zusammenhang mit dem Übergang zu BPMS und zur möglichen Weiterentwicklung von Prozessmodellierungsnotationen. BPMN wird aber nicht vorgestellt oder mit der EPK verglichen.

  4. Prof. Dr. Heinrich Seidlmeier

    Kollege Lehmann nimmt mit seinem Buch „Integrierte Prozessmodellierung mit ARIS“ für sich in Anspruch, als erster ein praktisches Lehrbuch über ARIS geschrieben zu haben. Das ist nicht ganz richtig. Mein Buch „Prozessmodellierung mit ARIS“ erschien in der ersten Auflage bereits im Jahre 2002, also über 5 Jahre früher.

    Prof. Dr. H. Seidlmeier

  5. Sam

    was haben die sichten von aris mit BPMN zu tun? Die funktionssicht sind aktivitäten. Die orgasicht sind Rollen also Pools und lanse.. was sind die anderen sichten?
    ich wäre sehr dankbar über hilfe:)

  6. allweyer

    Bezogen auf die ARIS-Sichten ist die BPMN ist – ähnlich wie die EPK – eine Notation für die Steuerungssicht. Die Aktivitäten wären gemäß ARIS, wie schon geschrieben, in die Funktionssicht einzuordnen, Pools und Lanes können in der Tat für Elemente der Organisationssicht verwendet werden. IM BPMN 2.0-Metamodell gibt es auch noch Ressourcen, die aber nicht grafisch dargestellt werden. Die Verbindung zur Datensicht kann über die Datenobjekte hergestellt werden.

    Bleibt noch die Leistungssicht, für die keine speziellen Konstrukte in BPMN vorgesehen sind. Zwar kann man ausführbare BPMN-Prozesse nach außen in Form von(Web) Services zur Verfügung stellen, doch sind derartige Services eher technischer Natur und müssten als betriebswirtschaftliche Leistungen noch um einiges ergänzt werden.

    Prinzipiell erlaubt die BPMN auch, eigene Artefakte zu definieren. Man könnt z. B. ein Artefakt „Leistung“ erstellen und dies für die Verbindung zur Leistungssicht nutzen.

  7. Samira A.

    vielen dank:-) hat mir sehr weitergeholfen:)
    herzliche grüße

    samira ahrabian


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