Prozess- und Systemmodelle koppeln – Umetikettierte Dissertation

27. Februar 2009

Cover Kopplung Prozess- und Anwendungssystemmodelle

Karl Michael Popp ist Director Mergers und Acquisitions bei SAP. 2007 wurde er zum SAP Ventures fellow ernannt. Das von ihm jüngst erschienene, zweibändige Werk trägt den Titel „Kopplung von Geschäftsprozessmodellen und Anwendungssystemmodellen„. Laut Klappentext geht es darum, die richtigen Objekte und Services für eine Software mit service-orientierter Architektur zu finden. Das klingt interessant, hat die SAP doch zahlreiche Entwicklungen in diesem Themengebiet. Man denkt an die Umsetzung fachlicher Modelle in service-orientierte Architekturen, modellgetriebene Software-Entwicklung, die SOA- und BPMS-Plattform SAP Netweaver, Composite Applications usw.

Leider findet sich nichts von alldem in dem Buch. Bei dem Text handelt es sich um die Dissertation des Autors mit dem Titel „Spezifikation der fachlichen Klassen-Beziehungs-Struktur objektorientierter Anwendungssysteme auf der Grundlage von Modellen der betrieblichen Diskurswelt“. Diese stammt, wie der Liste der Promotionen im Bereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Uni Bamberg zu entnehmen ist, aus dem Jahr 1994. Inhaltlich befindet sich die Veröffentlichung nach wie vor weitgehend auf dem damaligen Stand. Laut Vorwort wurde der ursprüngliche Text der Dissertation erweitert und kommentiert, und es wurden aktuelle Literaturquellen aufgenommen. Tatsächlich beschränken sich die Erweiterungen weitgehend auf kurze Einschübe, in denen die Praxisrelevanz der Ausführungen betont wird. So wird etwa in einem solchen Einschub erwähnt, dass die Software SAP R/3 über Tausende von Transaktionen und Hunderte von Business-Objekten verfügt, weshalb das im Dissertationstext angesprochene Thema „Komplexitätsmanagement“ auch in diesem Kontext wichtig sei (Bd. 1, S. 33).

Zitat: „Im Moment wird versucht, Ansätze zur Analyse der Diskurswelt zu entwickeln [vgl. z. B. Aur+92], aber ‚… domain analysis is still in an embryonic stage with substantial potential for further developments‘ [deCh+93, 215].“ (Bd. 1, S. 37). Wenn man im Jahr 2009 auf momentane Forschungsaktivitäten verweisen möchte, ist es vielleicht nicht ganz angebracht,  Veröffentlichungen aus den Jahren 1992 und 1993 zu verwenden.

Zwangsläufig sind die Entwicklungen der letzten 15 Jahren im eigentlichen Text unberücksichtigt geblieben, und die Ausführungen beziehen sich auf die klassische, objektorientierte Anwendungssystementwicklung. In Band 1 werden zunächst die verwendeten Darstellungsmethoden für die fachliche Modellierung und die Anwendungssystemmodellierung erläutert. Verwendet werden das Semantische Objektmodell (SOM) von Ferstl und Sinz, die aus den Petri-Netzen entwickelten Vorgangs-Ereignis-Netze und das objektorientierte Architekturmodell nach Amberg.

In Band 2 wird dann der Ansatz zur Ableitung eines Modells des Anwendungssystems aus einem fachlichen Modell hergeleitet. Zunächst wird für die verschiedenen Elemente des fachlichen Modells definiert, ob und in welchem Umfang diese automatisiert werden sollen. Anschließend werden aus den betreffenden Elementen des fachlichen Modells systematisch die Inhalte der verschiedenen Sichten des Anwendungssystemmodells abgeleitet. Hierdurch wird sichergestellt, dass das Anwendungssystemmodell tatsächlich dem fachlichen Modell entspricht. Außerdem lässt sich für jedes Element nachvollziehen, aus welchem fachlichen Element es abgeleitet wurde. Dies ist beispielsweise nützlich bei erforderlichen Änderungen.

Das ist prinzipiell ein interessanter Ansatz, der sich sicherlich auch auf aktuelle Methoden und Fragestellungen anwenden lässt. Leider wurde auf eine derartige Übertragung auf den Stand von 2009 verzichtet, was den praktischen Nutzen dieser Veröffentlichung extrem reduziert. Dass wenig gebräuchliche Methoden und Notationen verwendet wurden, erschwert den Zugang zum entwickelten Ansatz weiter. Warum die gut 300 Seiten auf zwei Bände aufgeteilt wurden, ist auch nicht unmittelbar einsichtig.

Um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen: Es handelt sich um eine ordentliche Dissertation, mit der sich der Autor seinen Doktorhut redlich verdient hat. Nur veralten Veröffentlichungen im IT-Bereich eben recht schnell. Mit einigen eingestreuten Kommentaren ist es da nicht getan. Und der Klappentext erweckt Erwartungen, die so nicht erfüllt werden.


Karl Michael Popp:
Kopplung von Geschäftsprozessmodellen und Anwendungssystemen.
BoD, Norderstedt 2009.
Band 1: Problemstellung und Grundlagen.
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Band 2: Abgrenzung und Ableitung des Anwendungssystemmodells.
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