Praxishandbuch mit Hinweisen zur BPMN-Einführung im Unternehmen

15. März 2012

Es spricht für die Popularität der BPMN und natürlich auch für die Qualität des Praxishandbuchs von Jakob Freund und Bernd Rücker, dass dieses Werk nach zwei Jahren bereits die dritte Auflage erlebt. In der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan, unter anderem wurde nach langer Vorbereitung die BPMN-Version 2.0 offiziell freigegeben. Da die Autoren in der OMG mitarbeiten und schon in der ersten Auflage den Entwurf der neuen BPMN-Spezifikation berücksichtigt hatten, konnten sie den überwiegenden Teil mit geringen Anpassungen übernehmen. Es finden sich daher praktisch alle Inhalte der ersten beiden Auflagen wieder. Z. T. sind die Ausführungen noch stärker auf die BPMN 2.0 als aktuelle Version ausgerichtet. Was 2010 noch brandneu war, hat sich weitgehend etabliert – zumindest soweit es Prozesse und Kollaborationen betrifft. Die neu eingeführten Choreographie- und Konversationssdiagramme spielen in der Praxis eine eher untergeordnete Rolle. Dementsprechend werden diese neuen Diagrammtypen auch weniger ausführlich behandelt.

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Der Leser findet somit das bekannte camunda-Framework mit seinen vier Ebenen wieder, das bereits hier beschrieben wurde. Komplett neu hinzugekommen ist ein Kapitel zur Einführung von BPMN im Unternehmen. Wobei es natürlich nicht nur um die Einführung einer Notation geht, sondern generell um die Prozessmodellierung als Teil des Prozessmanagements und der IT-Entwicklung. Hierfür müssen zunächst möglichst eindeutige und messbare Ziele definiert werden. Für die Modellierung sind verschiedene Rollen von Bedeutung. Im Buch werden „BPMN-Gurus“, „Anhänger“ und „Ungläubige“ unterschieden.
Die „Gurus“ oder Modellierungsexperten spielen eine wichtige Rolle bei der Definition von BPMN-Guidelines, d. h. von Modellierungskonventionen. Diese umfassen die Auswahl der benutzten Symbolpalette, Namenskonventionen, Layoutregeln und Design Patterns. Beispielsweise kann festgelegt werden, dass unterschiedliche Ergebnisse eines Prozesses immer durch unterschiedliche Endereignisse dargestellt werden. Als weitere Beispiele werden unterschiedliche Muster zur Modellierung eines Eskalationsverfahrens vorgestellt.

Schließlich stellt sich bei der Einführung von BPMN die Frage nach geeigneten Werkzeugen. Freund und Rücker geben Hinweise zur Auswahl des geeigneten Tools. Als Beispiel stellen sie Signavio vor, denn in diesem Tool wurden zwischenzeitlich spezielle Features zur Unterstützung des camunda-Kreislaufs implementiert. So ist es beispielsweise möglich, aus einem Kollaborationsdiagramm vereinfachte Sichten für die Beteiligten zu erzeugen, in denen diese nur ihren Pool sehen. Über die Kommentierungsfunktion kann jeder Beteiligte Feedback geben und beispielsweise auf Veränderungsbedarf hinweisen.
Will man Prozesse nicht nur modellieren, sondern in einer SOA/BPM-Landschaft zur Ausführung bringen, so wird ein ganzer Software-Stack benötigt, der neben dem fachlichen Modellierungstool auch eine Process Engine, eine ausführungsnahe Modellierungs- und Entwicklungsumgebung, ein Portal für die Prozessbeteiligten, eine Administrationskomponente sowie weitere technische Komponenten für eine Gesamtanwendung umfasst. Als Beispiel wird der Software-Stack „camunda fox“ vorgestellt, der vor allem für weitgehend individuelle Prozessanwendungen auf Java-Basis geeignet ist. Hier sind verschiedene existierende Komponenten zusammengefasst.

Als neue Komponente kommt das Tool „cycle“ hinzu, das die diversen Artefakte aus verschiedenen Komponenten verwaltet und in Beziehung setzt. Insbesondere wird der Roundtrip zwischen fachlicher und technischer Modellierung unterstützt. So kann ein fachliches Modell als Grundlage für ein ausführbares Modell verwendet werden. Wird das Modell auf technischer Ebene geändert, so lassen sich die Änderungen in die fachliche Modellierungsumgebung zurückspielen, wo dann fachliche Konsequenzen aus der technischen Änderung analysiert werden können. Wird das zurückgespielte fachliche Modell nun erneut geändert und an die Ausführungsmodellierung übergeben, so bleiben die technischen Ergänzungen aus dem vorangehenden Zyklus erhalten.

Für die erste Prozessaufnahme in einem Workshop ist es oftmals besser, zunächst kein Softwaretool zu verwenden. Als kommunikationsfördernde Werkzeuge können etwa selbst gebastelte, magnetische BPMN-Schablonen verwendet werden, die an ein Whiteboard geheftet und leicht umgruppiert werden können. Etwas schicker ist das am Hasso-Plattner-Institut entwickelte „Tangible BPMN“ (tBPMN) mit vorgefertigten Plexiglas-Symbolen (siehe auch diesen Beitrag).

Ein Projektbericht aus einem Energieunternehmen und ein Interview mit dem Projektverantwortlichen bestätigen, dass die im Buch vorgestellte Methodik in der Praxis erfolgreich angewandt wird.


Freund, J.; Rücker, B.:
Praxishandbuch BPMN 2.0. 3. Auflage.
Hanser 2012
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