Alles über Subjektorientiertes BPM

25. September 2011

Cover Subjektorientiertes ProzessmanagementGelegentlich wird subjektorientiertes BPM als Alternative zu herkömmlichen Prozessmanagementansätzen angepriesen. So nutzt beispielsweise die Firma Metasonic diesen Ansatz in ihrer BPM-Suite. Doch auch in Wissenschaft und Praxis beschäftigen sich eine Reihe von Leuten damit. Sie treffen sich auf der Konferenz „S-BPM ONE“, die in diesem Jahr bereits zum dritten Mal stattfindet. Wer die Methodik kennen lernen und genauer verstehen will, findet eine umfassende Darstellung in dem Buch „Subjektorientiertes Prozessmanagement“.

Die Grundidee der subjektorientierten Betrachtungsweise wird darin anhand von Sätzen der natürlichen Sprache erläutert. Ein typischer Satz besteht aus Subjekt (wer tut etwas?), Prädikat (was wird getan?) und Objekt (mit wem oder was wird etwas getan?). Auf diese Weise lassen sich auch Geschäftsprozesse beschreiben: Akteure (Subjekte) führen Aktivitäten aus (Prädikate) und bearbeiten dabei Güter oder Daten (Objekte). Modellierungsnotationen stellen meist einen dieser Aspekte in den Vordergrund. So ist aus der Softwareentwicklung beispielsweise die objektorientierte Modellierung bekannt. Die meisten herkömmlichen Prozessnotationen, wie z. B. BPMN oder EPK, stellen die Aktivitäten und den Kontrollfluss – und damit die Prädikate – ins Zentrum der Betrachtung.

Damit kommen nach Ansicht der Autoren aber diejenigen zu kurz, die die Prozesse durchführen: die Menschen. Anliegen des subjektorientierten Ansatzes ist es, die Menschen als Subjekte in den Mittelpunkt zu rücken. Prozesse entstehen dadurch, dass Subjekte mit Hilfe von ausgetauschten Nachrichten kommunizieren. Ein Gesamtmodell eines Prozesses  besteht somit aus Subjekten und Nachrichtenflüssen. Für jedes Subjekt wird in einem eigenen Modell der Detailablauf dargestellt. Dieser enthält die Reihenfolge der von dem Subjekt empfangenen und gesendeten Nachrichten, die von ihm durchgeführten Einzelaktivitäten, Verzweigungen, usw.

Mit insgesamt fünf Symbolen lassen sich prinzipiell auch komplexe Abläufe abbilden, und zwar so exakt, dass sie direkt ausführbar sind, wie das Beispiel der Metasonic Suite zeigt. Damit entfällt die bei anderen Ansätzen notwendige, oftmals mit Problemen verbundene Überführung von einem fachlichen in ein ausführbares Modell. Das durch ein SBPM-Modell spezifizierte Verhalten der Prozessbeteiligten kann direkt als Grundlage für die Ausführung verwendet werden. Die Prozessbeteiligten können damit eng in die IT-Entwicklung eingebunden werden. Mit Hilfe von Enterprise Mashup-Plattformen können sie selbst kleinere Anwendungen für Ihre Aufgaben in den Prozessen erstellen.

Die Methodik umfasst eine Reihe interessanter Ansätze, wie z. B. die Prozessentwicklung durch Reduktion. Dies bedeutet, dass das Prozessmodell zunächst alle zwischen den beteiligten Subjekten prinzipiell mögliche Nachrichtenflüsse umfasst. Durch Entfernen der Nachrichtenflüsse, die nicht erforderlich sind, um das Prozessziel zu erreichen, entsteht dann das Modell des geeigneten Prozesses.

SBPM umfasst aber nicht nur die Prozessmodellierung. Es stellt vielmehr ein umfassendes Prozessmanagementkonzept dar. Das Buch beschreibt alle Aspekte dieses Ansatzes, wie z. B. Rollen im Prozessmanagement, Vorgehensmodell, Prozessanalyse und -optimierung, Prozesscontrolling und die IT-Implementierung. Auch ein Vergleich der SBPM-Methode mit anderen Ansätzen ist enthalten. Das Buch liest sich gut und eignet sich sowohl für den Einsteiger als auch für Prozessmanagement-Experten, die die Methodik im Detail kennen lernen wollen. Das Kapitel über die theoretische Fundierung von SBPM richtet sich allerdings eher an Wissenschaftler als an potenzielle Anwender.

Was beim Lesen der sehr fundierten Darstellungen allerdings nicht deutlich wird, ist die behauptete prinzipielle Überlegenheit der SBPM-Methodik gegenüber herkömmlichen Prozessmanagementkonzepten. SBPM hat zweifellos eine Reihe von Vorteilen. Die Forderung, den Menschen stärker in den Mittelpunkt des Prozessmanagements zu rücken, lässt sich nur unterstützen. Dennoch wird nicht erkennbar, wodurch SBPM die bisher im Prozessmanagement vorhandenen Defizite grundlegend beheben könnte. So weisen die im Buch entwickelten Modelle schon eine recht hohe Komplexität auf, und es lässt sich durchaus bezweifeln, dass Fachanwender in der Lage sind, selbst ausführbare Modelle etwas komplexerer Prozesse zu entwickeln. Auch wenn SBPM prinzipiell mit fünf Symbolen auskommt, werden dennoch eine Reihe weiterer Symbole eingeführt, damit man kompaktere Modelle erstellen kann. Dadurch wird die Notation doch wieder etwas schwieriger zu beherrschen.

Eine prinzipielle Schwierigkeit der Notation wird gar nicht thematisiert: Übergreifende Abläufe werden nicht im Gesamtzusammenhang sichtbar. Auf einer höheren Ebene ist nur ein Netzwerk zahlreicher Subjekte sichtbar, zwischen denen vielfältige Nachrichtenflüsse existieren. Anders als ein Swimlane-Diagramm hilft eine derartige Darstellung wenig, wenn man den Gesamtablauf optimieren will, indem man die Aktivitäten anders zwischen den Akteuren aufteilt. Hier könnte es durchaus sinnvoll sein, SBPM-Modelle in Kombination mit klassischen Modellen zu verwenden.

Leider fehlt im Vergleich verschiedener Methoden eine ausführliche Gegenüberstellung der SBPM-Modelle mit der BPMN. Denn die Subjektinteraktionsdiagramme ähneln doch verblüffend den BPMN-Kollaborationsdiagrammen, wobei die Pools die einzelnen Subjekte darstellen. Die Subjektverhaltensdiagramme entsprechen den BPMN-Prozessen innerhalb der Pools. Auch für die verschiedenen Konstrukte (Nachrichtenempfang und -versand, Aktivitäten, Ausnahmebehandlungen etc.) lassen sich jeweils Entsprechungen in der BPMN finden.

Da die Kommunikation zwischen Menschen ein zentraler Gedanke der SBPM ist, drängen sich natürlich das Thema „Social BPM“ und die Unterstützung wissensintensiver Prozesse auf, bei denen die Akteure selbstbestimmt und ad hoc kommunizieren, und Prozesse auch während der Durchführung verändern. Leider wird diese aktuelle Diskussion im Buch nicht aufgegriffen. Kommunikation bezieht sich dort im Wesentlichen auf den Austausch von Nachrichten in recht genau vorbestimmten Prozessen. Die Erweiterung auf schwach strukturierte Prozesse ist sicherlich ein interessantes Thema für die Forschung im SBPM-Umfeld und ggf. weitere Veröffentlichungen.

Trotz der genannten Kritikpunkte stellt das subjektorientierte BPM einen interessanten Ansatz dar, der vor allem auch sehr gut theoretisch fundiert ist. Die Weiterentwicklung des Themas BPM benötigt derartige Beiträge, die abweichend vom Mainstream neue Ideen und Konzepte liefern und die Diskussion anregen.


Fleischmann, A.; Schmidt; W.; Stary, C.; Obermeier, S.; Börger, E.:
Subjektorientiertes Prozessmanagement –
Mitarbeiter einbinden, Motivation und Prozessakzeptanz steigern.
Hanser 2011.
Das Buch bei amazon.

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Kategorie: Allgemein, BPM, Bücher, Modellierung Ein Kommentar »

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Eine Reaktion zu “Alles über Subjektorientiertes BPM”

  1. Thomas J. Olbrich

    Hallo Thomas,
    stimme Dir voll zu, der S-BPM Ansatz stellt sicherlich eine interessante Ergänzung im BPM-Methodik-Portfolio dar.

    Das Besondere daran ist zugleich auch das Schwierige: Einen Prozess nicht von vorneherein als ‚klassischen‘ Kontrollfluß zu verstehen, sondern die Sichtweise auf das Verhalten der Akteure (der Subjekte) zu lenken. Diesen gedanklichen Wechsel zu vollziehen ist anfangs nicht ganz leicht, das Buch liefert dabei aber eine gute Hilfestellung.

    In diesem Sinne ist S-BPM vielleicht sogar die geeignetere Variante, wenn es um die ‚Verkettung‘ von Arbeitsschritten ohne ‚Re-Engineerng‘ geht: Die Mitarbeiter dokumentieren ihre Sichtweisen auf ihre Arbeit, die dann in der S-BPM-Methodik verbunden werden.

    Da der gesamte Ansatz noch relativ jung ist, ist es wahrscheinlich einfach eine Frage der Zeit, bis durch den Praxiseinsatz klar wird, für welche Prozesse und Prozessanforderungen dieser Ansatz besser und für welche schlechter geeignet ist.

    Insgesamt glaube ich aber auch (siehe einige der Beiträge im taraneon-Blog und auf ebizQ), daß sich eine Nähe zwischen Social BPM und S-BPM aufdrängt. Allerdings ist das dann aber auch eine eher inhaltliche Frage, bei der dann das ‚Technische‘ (z.B. Notationsfragen) fast schon irrelevant werden.

    Übrigens: Am 29. und 30. September findet in Ingolstadt die dritte internationale S-BPM Konferenz statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Informationen unter: http://bit.ly/oah8i5

    Thomas

    Gruß
    Thomas